Nicht weit von meinem Haus entfernt erstreckt sich die
Kaiser-Josef-Straße. Na gut, nichts besonders seltenes auf ehemaligen k.u.k.
Boden. Straßennamen und auch Statuen mit Allüren zu der Dynastie der Habsburger
findet man immer wieder, Sissi-Filme laufen unregelmäßig im Fernsehen. Obwohl die
Monarchie schlussendlich eine Diktatur war, wird sie von dem Großteil der
Bevölkerung anders als zum Beispiel der faschistische Ständestaat und die
Eingliederung in das Dritte Reich nicht instinktiv als eine solche gesehen.
Zurückgeblieben ist mehr die Vorstellung eines Mythos als die
Wahrheit. Nahezu jedes geschichtliches Ereignis wird irgendwann zu einem Mythos:
die Französische Revolution gilt als Inbegriff der Geburtsstunde der
Demokratie, obwohl sie schlussendlich mit der Gewaltherrschaft der Jakobiner
endete. Che Guevara hat seinen Ruhm als Ikone für Freiheit und Selbstbestimmung
errungen obwohl er selbst nur bedingt dafür eintrat. Geschichte ist eben selten
einfach, nie nur schwarz und weiß. Darum zimmert sich der Mensch meist ein
schönes Narrativ, das mit seiner eigenen politischen Vorstellung d’accord geht.
Ist das gefährlich? Man läuft immer, wenn man solche Mythen internalisiert,
in die Gefahr, dass man aus der Geschichte nichts lernt. Auch kann diese
Vergangenheitsverherrlichung tödliche Züge annehmen. Mussolini wollte einst das
Römische Reich wiedererschaffen. Und der Ständestaat unter Dollfuß und Schuschnigg
ging auch aus der Erinnerung an das k.u.k.-Reich hervor.

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